Eine unvollständige Chronik der Hilfe
Die in den über 30 Jahren erbrachten Leistungen der Sardinienhilfe sind so vielzählig und umfangreich, dass sie an dieser Stelle nur vereinzelt und lückenhaft wiedergegeben werden können.
Auch wenn man die Hilfe in Zahlen ausdrückt, wird der Einsatz und das Mitgefühl der Soldaten und zivilen Mitarbeiter der Bundeswehr für die Thalassämiekranken deutlich: Bis 1997 wurden knapp 33.500 Blutkonserven in einem theoretischen Wert von ca. 2,3 Millionen Mark nach Sardinien eingeflogen. Vor Ort, beim Taktischen Ausbildungskommando Italien in Decimomannu, haben viele Soldaten und Zivilbedienstete Blut gespendet. Das Geldspendeaufkommen beträgt über 1,3 Mio DM und an Sachspenden (Kleidungsstücke, Spielzeug, etc.) wurden viele Tonnen nach Sardinien gebracht. 1.100 der lebensnotwendigen Desferalpumpen - mit einem Stückpreis von 700,- bis 1.000,- DM - wurden aus Spendengeldern gekauft oder als Geschenke zur Verfügung gestellt. Mit vielen Familien bestehen Patenschaften.
Die Anfänge dieser Initiativen lassen sich bis 1977 zurückverfolgen.
Damals wurde im Rahmen der Hilfsaktion Mittelmeerblut auf Sardinien
- Mehr als eine Weihnachtsaktion zu Spenden, insbesondere Blutspenden
aufgerufen. Allein mit dieser Aktion konnte 1000 Kindern geholfen werden.
Schnell erkannte man aber , dass durch Einzelaktionen die Blutversorgung
auf Sardinien
nicht den nötigen Umfang erreicht. Im Mai 1978 wurde deshalb die Blutbrücke
ins Leben gerufen. Von Köln-Wahn wurden mit Transportflugzeugen der Bundeswehr
vierzehntägig Blutkonserven nach Decimomannu geflogen. Die Blutkonserven stellte
das Zentrale Institut des Sanitätsdienstes der Bundeswehr (ZInstSanBw) in
Koblenz, teilweise auch die Blutbanken in München und Schleswig zur Verfügung.
In der darauf folgenden Zeit vergrösserte sich der Umfang der Hilfeleistungen rasant, wozu auch eine breit angelegte Öffentlichkeitsarbeit beitrug. In den ersten fünf Jahren wurde u. a. mit Unterstützung des ZDF und des Roten Kreuzes mehr als 160.000,- DM sowie 15 Tonnen Kleider gesammelt. Wichtige Projekte, die in den Anfangsjahren der Thalassämie - Hilfe unternommen wurden, waren z. B. der Bau eines Kinderspielplatzes in Via Botgora im Jahre 1980 und dessen Ausbau 1982, die Beschaffung eines Personalcomputers zur Erfassung von Daten der erkrankten Personen für das Krankenhaus San Michele für 20.000,- DM (1981) sowie die Einrichtung eines Spielzimmers ebenfalls im Krankenhaus San Michele in Cagliari (1983).
Den ersten Tiefschlag erlitten die Helfer im März 1982: Nach
69 Flügen - bzw. dem Transport von 8.680 Blutkonserven - musste die Luftbrücke
eingestellt werden
Der Grund hierfür waren die strengen italienischen Importgesetze,
die besagten, dass die Spenden zuerst nach Rom geflogen werden mussten, um
dort erneut untersucht zu werden. Dabei gingen viele Blutkonserven kaputt,
denn das Blut ist ab einem Alter von 49 Tagen unbrauchbar.
Ebenso musste festgestellt werden, dass ein beträchtlicher Teil der Konserven auf diesem Wege einfach verschwand. Zähe Verhandlungen mit der italienischen Regierung führten schliesslich zum Erfolg und die Blutbrücke konnte 1985 wieder aufgenommen werden. Das Blut wird nun vierzehntägig oder bei speziellem Bedarf wöchentlich am umständlichen Zoll vorbei, direkt nach Decimomannu eingeflogen. Durch das Sanitätsrevier werden die Kühlbehälter dann direkt zum Transfusionszentrum San Gavino gefahren, in dem jährlich 50.000 Bluteinheiten verarbeitet werden.
Inzwischen hatten die Aktivitäten eine Grössenordnung erreicht, die eine zentrale Verteilung der Mittel notwendig werden liess, da auf diese Weise gezielt und in Absprache mit den Ärzten, Elterninitiativen und Kommunalpolitikern auf Sardinien Hilfe geleistet werden kann. 1985 übernahm deshalb das Kommando der 1. Luftwaffendivision, damals noch in Meßstetten, die gesamte Koordination der Thalassämiehilfe.
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Zu den Projekten, die Ende der 80er Jahre in Angriff genommen wurden, gehörte z. B. die Ausstattung der noch besonders rückständigen Transfusionszentren mit kindgerechter Einrichtung, um den Kindern den 3 bis 4 stündigen Aufenthalt in den Transfusionsräumen so angenehm wie möglich zu machen. Mit der Herausgabe eines Sonderbriefmarkensatzes durch die Deutsche Bundespost in Verbindung mit der Poste Italiane erhoffte man sich eine Aufklärung und Sensibilisierung der gesamten deutschen und italienischen Bevölkerung über die Krankheit. Ausserdem wurde in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr - Filmschau ein Videofilm über die Mittelmeeranämie erstellt, um die Spendenbereitschaft der Soldaten anzuheben.
Für ein grosses Presseecho in Sardinien sorgte im Sommer 1988 eine Fahrradtour von 5 Soldaten. Um in Sardinien Blut zu spenden und auf die Thalassämie aufmerksam zu machen, nahmen sie die beschwerliche Fahrt von Kaufbeuren nach Cagliari über 1466 km auf sich.
Der Bayreuther Thalassämiehilfe
gelang es 1989 für die Brüder Francois und Pascal Pinna eine plastische Gesichtsoperation
in der kieferchirurgischen Abteilung der Universität Würzburg zu ermöglichen.
Bei ihnen wurde die Krankheit nicht rechtzeitig korrekt erkannt und deswegen
falsch behandelt, somit erfolgte auch die Zufuhr von Desferal viel zu spät,
was zu Gesichtsverformungen mit gravierenden Ausmassen führte.
Wiederum ins Licht der Öffentlichkeit rückte die Thalassämiehilfe 1990 durch eine Fernsehreportage in RTL - Plus. Dabei wurde ein Bluttransport von Deutschland über Decimomannu bis ins Transfusionszentrum San Gavino begleitet. Dort wurden dann Aufnahmen gemacht und Gespräche mit Betroffenen geführt.
Zu den zahlreichen Aktionen, die auch in den 90er Jahren durchgeführt wurden um Gelder zu sammeln, gehörte u. a. ein Benefizkonzert der BIG BAND der Bundeswehr im Oktober 1994 auf Sardinien und eine Extremradtour quer durch Deutschland im Sommer 1995.
Unter dem Motto Pedale sollen Leben geben wurde innerhalb von 60 Stunden die Distanz von 1.500 km (von Flensburg nach Oberstdorf im Allgäu) zurückgelegt. Auf der Strecke und bei der grossen Abschlussveranstaltung wurden Gelder für die Deutsche Thalassämiehilfe gesammelt.
Des weiteren fanden immer wieder Auftritte von sardischen Folkloregruppen auf Veranstaltungen in Deutschland und Sardinien zugunsten der kranken Kinder statt.
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Die Hauptarbeit, die Dank der Spenden von Zivilisten, Soldaten, Prominenten (z. B. Spieler des 1.FC Köln, Manfred Wörner, Helmut Kohl) und verschiedenen Institutionen (z. B. Lions Club, Rotary Club, Euro-Kinderhilfe) wahrgenommen werden konnte, lag neben der Betreuung und Unterstützung der Betroffenen während all den Jahren in der Bereitstellung von Blut und der Beschaffung von Desferalpumpen.
Jedoch wurde die Hilfspolitik auch darauf ausgerichtet, den Kindern eine vollständige Genesung zu ermöglichen. Zusammen mit der Stefan-Morsch-Stiftung werden deshalb Bluttypisierungsaktionen von möglichen Knochenmarkspendern durchgeführt. Die Stefan-Morsch-Stiftung, die seit 1991 Typisierungsaktionen für Thalassämie- und Leukämiekranke organisiert, nimmt die Spender in ihre älteste Knochenmarkspenderdatei Deutschlands auf. Jüngste Typisierungen waren die Blutentnahmeaktion in Karlsruhe zur Rettung der 18-jährigen Marilena Ammazzagatti aus Esslingen im Sommer 1997 und die Blutentnahmeaktion im Februar 1998 in Heilbronn für den 16-jährigen Michele Cadedda und den 14-jährigen Sebastiano Carta aus Sardinien. Für letzteren verlief die Aktion hoffnungs- und erwartungsvoll, denn es liessen sich mehrere mögliche Spender identifizieren. Weitere Untersuchungen werden zeigen, ob eine Knochenmarktransplantation möglich ist. Diese könnte dann an der Knochenmark-Transplantationsklinik in Idar-Oberstein - in der bereits zwei an Thalassämie erkrankte türkische Kinder erfolgreich transplantiert wurden - vorgenommen werden.